Der Spritz-Ess-Abstand und die postprandialen Blutzuckerwerte



Im Zeitalter der schnell-wirkenden Analoginsuline scheint der Spritz-Ess-Abstand keine Bedeutung mehr zu haben. Dieser Eindruck wird ja auch von den Marketing-Abteilungen der Insulinhersteller kräftig unterstützt. Ein Insulin, das man nach dem Essen spritzen kann, scheint sich offenbar besser zu verkaufen! Dass damit 3 Mio. Jahre Entwicklungsgeschichte auf den Kopf gestellt würden, wer will das schon wissen?!
Im folgenden Beispiel ist der Spritz-Ess-Abstand von großer Bedeutung. Aber natürlich kommen weitere Faktoren hinzu, die das Gesamtbild entscheidend bestimmen!

Der Patient in unserem Beispiel hat seit Jahrzehnten einen Typ 1-Diabetes, praktiziert eine ICT mit einem schnell- und einem lang-wirkenden Analoginsulin. Der HbA1c liegt seit Jahren stabil um 6.5%. Störend und belastend für alle Beteiligten ist die Tatsache, dass etwa 1x pro Jahr eine schwere Hypoglykämie auftritt, oft mit Bewußtlosigkeit. Unser Patient kontrolliert seine BZ etwa 5-6xtäglich und dokumentiert sie in seinem Blutzucker-Tagebuch. Aber er schaut sie sich selten systematisch und im Zusammenhang an! Seine Beschreibung seiner Probleme lautet:"Auch wenn ich in vergleichbaren Situationen das Gleiche mache - es kommt immer etwas völlig unterschiedliches dabei heraus!"

Schauen wir uns an, wie sich die Blutzuckerwerte üblicherweise über den Tag verteilen:


Spritz-Ess-Abstand und Lipohypertrophie



Diese Blutzuckerverläufe haben eine Struktur! Anders als in den Fällen, wo die basale Insulinmenge oder die Basalrate zu niedrig dosiert sind und man das Bild am besten als 'chaotisch' oder 'totaler Wirrwarr' oder 'abstrakte Kunst' beschreibt! Wir sehen gleichförmige, aber gegenläufige Bewegungen: auf niedrige BZ folgen sehr hohe und umgekehrt. Wenn die Nüchtern-BZ zwischen 7 und 8 Uhr zwischen 70 und 120 mg/dl liegen, dann sind die Werte nach dem Frühstück hoch; liegen die Nüchtern-BZ über 120 mg/dl, dann sind die postprandialen BZ niedrig, häufig im Hypo-Bereich. Dieses Spiel wiederholt sich für den Rest des Tages mit wechselnden Vorzeichen!
Das Ganze hat System! Welche Faktoren bestimmen dieses System?
1. Das Insulin
2. Die Spritzstellen
3. Der Spritz-Ess-Abstand
4. Die mangelnde Reflektion
5. Die Gewohnheit


1. Das Insulin:
NovoRapid (1.5IE/BE, morgens 2IE/BE) und Levemir (12IE mo. und 28IE um 18°°); die Injektionszeit abends variiert oft! Verschiebungen des Injektionszeitpunktes können das Gleichgewicht der BZ ziemlich durcheinander bringen: in unserem Fall erfolgte die abendliche Gabe des Verzögerungsinsulins oft nicht um 18°° sondern erst 4-5 Stunden später. Hohe Nüchtern-Blutzucker sind die Folge! Die Dosis wird erhöht. Dann wird das Basis-Insulin ein paar Tage zum vorgesehenen Zeitpunkt gespritzt! Die Nüchtern-BZ sind niedrig ...
2. Die Spritzstellen: am Bauch finden sich ausgeprägte lipohypertrophe Stellen. Diese Stellen benutzt unser Patient v.a. für das Bolus-Insulin. Wenn er bei normalen BZ vor dem Essen in diese Stellen spritzt, wird der Blutzucker deutlich ansteigen! Deutlich zu sehen nach dem Frühstück, also gegen 10°°, und nach dem Mittagessen (ca. 15°°). Wenn er die hohen Blutzuckerwerte nach dem Frühstück korrigiert, gibt es oft Unterzuckerungen: die Levemir-Wirkung und das NovoRapid von morgens und die Korrekturdosis kommen zusammen!
3. Der Spritz-Ess-Abstand: aus Zeitmangel(!) und weil er ja ein 'Turbo-Insulin' benutzt, hält er nur unregelmäßig einen Spritz-Ess-Abstand ein! Dass die Blutzuckerwerte nach dem Essen oft hoch sind, v.a. wenn der Ausgangswert nicht optimal war, verwundert ihn zwar, hat aber keine Konsequenzen!
4. Die mangelnde Reflektion: Er schaut sich seine Blutzuckerwerte an, wenn er sie misst - aber nicht im Zusammenhang. Er wertet sie nicht aus! Er reagiert nur: wenn der Blutzucker hoch ist, spritze ich ihn 'runter; wenn er niedrig ist, esse ich was! Eine Analyse (was läuft gut? was muss ich ändern?), eine Planung (wie kann ich mein Ziel besser erreichen?) findet nicht statt.
5. Die Gewohnheit
Eigentlich läuft doch alles ganz gut! Der HbA1c-Wert ist akzeptabel. Warum etwas ändern?
Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt: "Der Mensch ist nur ein mittelmäßiger Egoist! Seine Bequemlichkeit schätzt er mehr als seine Vorteile!"
Unser Patient könnte für diesen Ausspruch Modell gestanden haben.


Spritz-Ess-Abstand und postprandiale BZ




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